Eine neue Studie zeigt, wer die digitale Öffentlichkeit dominiert und was sich dagegen tun ließe.
Von Leif Kramp
Die vergangenen vier Jahrzehnte sind reich an Träumen über eine vernetzte Öffentlichkeit. Als Howard Rheingold Anfang der 1990er Jahre die „virtuellen Gemeinschaften“ beschrieb, war er nicht er einzige, der mit dem Internet die Hoffnung auf neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe verband. Und wenn Skeptiker wie Clifford Stoll schon früh daran zweifelten, dass Computer soziale Probleme lösen oder etwa das Netz die Demokratie stärken sollten, wirken solche Deutungskämpfe über Wohl und Wehe der digitalen Vernetzung aus heutiger Sicht beinah rührend.
Wir leben in einer Welt, die sich selbst kühnste Visionäre so wohl kaum vorgestellt haben: Ein Unternehmer wie Elon Musk kann sich einen milliardenschweren globalen Kommunikationsdienst kaufen und dessen Regeln nach eigenen Vorstellungen verändern. Aus einer Art digitalem Jahrbuch wie Facebook wird einer der mächtigsten Werbe- und Kommunikationskonzerne der Welt. Und ein Staatsoberhaupt wie Donald Trump verbreitet politische Botschaften über eine eigene Plattform namens Truth Social und erreicht damit innerhalb weniger Minuten ein weltweites Publikum, auch weil Nachrichtenmedien minutiös seine Verlautbarungen registrieren und weitertragen. In welcher digitalen Öffentlichkeit wollen wir eigentlich leben?
Im Juni 2026 ballt sich der Widerstand hierzulande wie selten zuvor: Ethikrat und Kultusministerkonferenz warnen vor einfachen Lösungen im Umgang mit Social Media, erkennen aber mit Nachdruck die großen Probleme speziell für Kinder und Jugendliche an, die aus ihrer Nutzung erwachsen. Die Landesverwaltung Schleswig-Holstein stellt ihre Systeme vollständig auf Open-Source-Software um, weil sie sich damit eines wachsenden Risikos bei der Nutzung von Tech-Clouds entledigen möchte, die nicht ausreichend vor staatlichen Zugriffen aus dem Ausland geschützt sind. Und die Europäische Kommission legt ein geopolitisch konnotiertes „Technologie-Souveränitätspaket“ vor, mit dem in Europa eigene digitale Infrastrukturen aufgebaut und gestärkt werden sollen. Alle Zeichen, so scheint es, stehen auf Emanzipation, auch weil wir der Ohnmacht offensichtlich näher sind als der Macht über die Geschicke der digitalen Transformation.
Der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree verfolgt diese Entwicklung schon seit Jahren. In zwei medial vielbeachteten Streitschriften hat er versucht seine Fassungslosigkeit darüber auszudrücken, wie willfährig sich die Welt in die Abhängigkeit großer Plattformkonzerne begeben hat, aus der es sich nun schwerlich wieder lösen lässt. „Big Tech muss weg!“ führte das Ausrufezeichen schon im Titel, und mit „Krieg der Medien“ beschrieb er eine weitere Eskalationsstufe einer Öffentlichkeit im Zersetzungsprozess. Dass ihn ein aktivistisches Interesse antreibt aufzuzeigen, welche Folgen die Plattformdominanz für eine aufgeklärte Gesellschaft haben können, kaschiert Andree nicht – im Gegenteil ließ er in den vergangenen fünf Jahren kaum eine Bühne aus, um vor Tech-Monopolen zu warnen.
Nun legt er eine Datenauswertung vor, die nicht weniger leisten soll als eine „Vermessung der digitalen Welt“, so der Titel des schmalen Bandes. Grundlage ist eine Auswertung von Daten zur Internetnutzung von 8.000 Menschen, die vom Marktforschungsinstitut GfK –bekannt durch die Messung der TV-Einschaltquoten – zur Verfügung gestellt wurden. Dabei handelt es sich nicht etwa um Befragungsdaten, wie sie in Deutschland regelmäßig in gleich mehreren Langzeitstudien erhoben werden, sondern um technisch gemessene Realnutzungsdaten von Personen aus deutschen Haushalten, die sich mit dem sogenannten ‚Tracken‘ ihrer Internetgeräte einverstanden erklärt haben. Schon vor sechs Jahren veröffentlichte Andree mit dem „Atlas der digitalen Welt“ eine erste Auswertung, damals noch mit Daten von 16.000 Personen. Frappierend ist das Kernergebnis heute wie damals: So groß die Angebotsvielfalt des Netzes sein mag, so klein ist die Riege derer, die davon profitiert.
Die Studie ermittelt dies mit einem statistischen Maß, mit dem gemeinhin Einkommensunterschiede und andere Ungleichverteilungen bestimmt werden: Beim Gini-Koeffizienten bedeutet ein Wert von null eine gleichmäßige Verteilung und ein Wert von eins das genaue Gegenteil. Für die Verteilung der Nutzungsdauer kommt Andree Jahren 2019 (0,988) und 2025 (0,987) auf nahezu denselben hohen Konzentrationswert und folgert daraus: Die Aufmerksamkeit im Netz entfällt auf nur einige Anbieter, was die Idee des offenen Netzes ad absurdum führt.
Auf die zehn größten Online-Angebote entfällt annähernd die Hälfte der gesamten Nutzungszeit; bei Jüngeren sind es sogar knapp 62 Prozent. So wird das Internet bei Andree zum Vexierbild, das zwischen trügerischer Vielfalt und eklatanter Marktverengung pendelt. Dass es so weit gekommen ist, ist zum Teil dem digitalen Schlendrian in uns allen geschuldet: Den meisten Menschen wird zwar bewusst sein, dass Google, YouTube, Instagram, Facebook, WhatsApp, Amazon oder TikTok keine altruistischen Motive verfolgen und zu den mächtigsten Akteuren der Digitalindustrie gehören. An den komfortablen Diensten, die sie anbieten, haben sich bei Abermillionen Nutzenden allerdings hartnäckige Gewohnheiten eingeschliffen.
Dass Technik nicht neutral ist und Plattformen längst mehr leisten als bloße Intermediäre, die Daten nur durchleiten, ist offenkundig. Wo wir regelmäßig miteinander kommunizieren, uns informieren oder unterhalten lassen, entsteht Öffentlichkeit. Wenn sich Zugänge verengen, werden die Voraussetzungen für freien Wettbewerb denkbar ungünstig. Das betrifft mitnichten nur geschäftliche Belange, sondern auch Fragen der Medienvielfalt und demokratischen Öffentlichkeit. Wer als Institution, sei es ein Nachrichtenangebot, eine Partei, Behörde, Unternehmen oder Organisation, viele Menschen erreichen möchte, kam bislang kaum um die Services der Tech-Giganten herum. Doch digitale Phänomene wie zügellose Desinformation, Extremismus, KI-Slop und Hyperkonsum haben sich mittlerweile zu einem derart umfassenden Problem ausgewachsen, dass Widerstände wachsen.
Ein Kulminationspunkt in dieser Entwicklung ist sicherlich noch nicht in Sicht. Für Organisationen geht es heute aber umso mehr um eine direkte Beziehung zu ihrem Publikum, Mitgliedern und Unterstützern. Für Unternehmen geht es um ihre Werteversprechen und Markenumfelder. Für das Individuum geht es um die Freiheit der Information und um den Schutz vor Manipulation und Einflussnahme. Und für die Demokratie geht es um eine vielstimmige Öffentlichkeit. Daran zu arbeiten, bedeutet nicht zwingend eine Massenabkehr von lieb gewonnenen Diensten, wohl aber eine Beschäftigung mit Alternativen.
Europa schickt sich an, verlorenes Terrain mit offenen technologischen Standards, verbindlichen und transparenten Regeln sowie fairen Marktbedingungen aufzuholen. Ein solcher Exit muss kein großer Bruch sein, sondern wird eher zu einem Befreiungsschlag auf Raten: langsam, unbequem, aber überfällig.
Martin Andree: Die Vermessung der digitalen Welt. Campus Verlag. Frankfurt am Main 2026. 176 Seiten. Broschiert. 25 Euro. ISBN 978-3-593-52243-2
Dieser Beitrag erschien zuerst am 27.06.2026 im Weser-Kurier.
Bildnachweise: DALL-E / VOCER-Institut für Digitale Resilienz
Dr. Leif Kramp

Foto: Beate C. Koehler
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