Anfang Mai trafen sich in Hamburg Kommunikationsprofis aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Verwaltung zur „2MR“-Konferenz unter dem Motto: „Digital Democracy for Tomorrow“. Das Event ist kein Branchentreffen im üblichen Sinne, sondern versteht sich als Festival der guten Beispiele: Menschen, die aus Überzeugung auf offenen, dezentralen Netzwerken arbeiten – jenseits von X, Facebook und TikTok –, präsentierten, was das konkret für ihr organisationales Umfeld bedeutet und warum es für sie funktioniert. Eingeladen hatte „Save Social“, eine Initiative, die deutschlandweit im Jahr 2025 mehr als 250.000 Unterschriften sammeln konnte als Richtungszeig für eine neue, alternative digitale Infrastruktur.
Von Leif Kramp
Dass eine solche Konferenz überhaupt stattfindet – und dass sie Zulauf hat –, zeugt von einem gewissen Momentum in einer Lage, die für den europäischen Mediensektor volatiler nicht sein könnte: die Dominanz von Big Tech ungebrochen, generative KI weiter auf dem Vormarsch, und die gesellschaftlichen und speziell politischen Umstände, in denen Journalismus entsteht, mehr denn je unter Druck und Zwängen: Ende April 2026 veröffentlichte Reporter ohne Grenzen seine Rangliste der Pressefreiheit und bewertete die Lage in den meisten aller 180 untersuchten Länder als schlecht oder sehr schlecht. Dieser Kipppunkt deutet darauf hin, dass die Zukunft des Journalismus längst nicht mehr vorrangig von Formatfragen und innovativen Arbeitsmodellen in Redaktionen abhängt, sondern zunehmend von grundsätzlicheren Fragen, die die digitale Infrastruktur und ihre Steuerung betreffen.
Die anhaltende Debatte über die Förderung von Gemeinnützigkeit im Journalismus kommt an dieser Perspektive ebenfalls nicht vorbei: Während bei der Auslotung von Finanzierungsmodellen und Rechtskonstruktionen schnell Grenzen erreicht werden, sehen sich gemeinnützige GmbHs und Genossenschaftsmedien mit denselben Marktbedingungen konfrontiert wie kommerzielle Medienhäuser auch: Inzwischen rückt mit Vehemenz die digitale Versorgungsstruktur selbst in den Vordergrund und verändert, wie das Prinzip der Gemeinwohlorientierung im Mediensektor gedacht werden kann, um erfolgreich zu sein.
Was Gemeinwohl meint – und was nicht
Zunächst eine Unterscheidung: Gemeinwohlorientierung im Journalismus meint Medienangebote, die sich explizit der Förderung und dem Erhalt der demokratischen Grundordnung und dem Dienst an der Allgemeinheit unterstellen und dies mit verschiedenen Maßnahmen unterstreichen: Sie setzen auf Dialog, Pluralismus, Teilhabe und das unabhängig von ihrer Rechtsform. Ein auf den politischen Aktivisten Christian Felber zurückgehendes Konzept der „Gemeinwohl-Ökonomie“ stellt wiederum als alternatives Wirtschaftsmodell darauf ab, dass sich Unternehmen mittels Selbstverpflichtung systematisch für Menschenwürde, soziale Solidarität, ökologische Verantwortung und demokratische Mitbestimmung einsetzen. Der Anreiz: Wer hierbei gut abschneidet, soll dafür dem Konzept nach auch strukturell belohnt werden – durch Steuerprivilegien, günstigere Kreditkonditionen, Vorrang bei öffentlichen Aufträgen. In Deutschland stehen Unternehmen mit entsprechendem Geschäftsgebaren schon heute in einzelnen Förderprogrammen und Vergabeverfahren besser da – etwa wenn Bund, Länder oder Kommunen Nachhaltigkeits‑ und Gemeinwohlkriterien bei Zuschüssen, Beratungsmitteln oder öffentlichen Aufträgen berücksichtigen –, ein flächendeckendes System mit systematischen Steuer‑ und Kreditvorteilen ist bislang jedoch eher politisches Zielbild der Bewegung als rechtlich verankerter Normalfall.
Für die journalistische Geschäftsfeld ist das aber durch die Querelen bei der Durchsetzung eines eigenen gemeinnütziges Förderzwecks durchaus virulent, schließlich gestaltet sich das Wirtschaften nicht erst seit kurzem als merklich schwieriger. Journalismus als meritorisches Gut zu verstehen, das weit über den Nutzen als Konsumgut hinausgeht, weil es demokratische Prozesse stabilisiert, die der ganzen Gesellschaft zugutekommen, ist keine These, über die in Fachkreisen noch ernsthaft gestritten wird. Anders allerdings verhält es sich mit der Frage, ob und wofür Journalismus deshalb Unterstützung bedarf.
Der unwiderrufliche Bruch
Lange ließ sich die Spannung zwischen Marktlogik und gesellschaftlicher Funktion des Journalismus durch Werbefinanzierung überbrücken: Verlage subventionierten mit Anzeigenerlösen eine demokratische Infrastruktur – nicht aus Altruismus, sondern weil Reichweiten und gesellschaftliche Relevanz zusammenfielen. Dieser Mechanismus ist durch den Siegeszug der globalen Online-Plattformen mit ihrem Rezept, durch soziale Vernetzung Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungszwecke gleichermaßen zu befriedigen, zerbrochen und nicht mehr rückgängig zu machen.
Was an die Stelle getreten ist, macht Verlags- wie Rundfunkanbietern gleichermaßen zu schaffen: Allein in Deutschland entfallen 2026 mehr als 50 Prozent aller Werbeinvestitionen auf Google, Meta und Amazon – Nachrichtenmedien konkurrieren mit allen anderen klassischen Gattungen um den verbleibenden Markt, der zugleich weiter schrumpft. Die eingeschliffenen Renditeerwartungen vieler Verlage lassen sich unter diesen Bedingungen nicht mehr erfüllen, wodurch sich seit Jahren langsam aber stetig der publizistische Rückzug aus der Fläche vollzieht. Hinzu kommt eine neue Dimension: Große KI-Konzerne, fast ausnahmslos aus den USA und China, haben ihre Systeme auf Basis journalistischer Texte trainiert und schicken sich an, den verbleibenden Werbemarkt weiter zu erodieren. Europa blieb bislang die Rolle der Zuschauerin – als Konsumentin, nicht als Produzentin dieser Technologien. Plattformökonomie zielt auf Skalierung, Netzwerkeffekte, Wertabschöpfung. Aufmerksamkeit ist ihre Währung, gesellschaftliche Wirkung ein Neben- oder gar Abfallprodukt. Die vorherrschenden Geschäftsmodelle in diesem Feld lagern gesellschaftliche Kosten aus und privatwirtschaftliche Gewinne ein.
Spannungsreiche Drei-Säulen-Architektur
Ein Modell für gemeinwohlorientierten Journalismus in Europa lässt sich in drei Ebenen ordnen, die zusammen eine potenziell starke Architektur ausmachen:
- Den Sockel bildet der öffentlich-rechtliche Rundfunk: historisch gewachsen, beitragsfinanziert, mit explizitem Public-Value-Auftrag gesetzlich verankert. Er ist das elaborierteste Experiment, das Europa je für mediale Gemeinwohlorientierung unternommen hat – und steht gleichzeitig unter einem Druck, der aus zwei Richtungen kommt: politisch von der extremen Rechten und strategisch von den Plattformen, die einen wesentlichen digitalen Vertriebskanal kontrollieren, über den ÖRR-Inhalte inzwischen maßgeblich konsumiert werden. Und: Als Antwort auf strukturelle Lücken im Lokalen, im Nischensegment oder in der investigativen Tiefe ist er zu groß, zu schwerfällig, zu weit entfernt.
- Darüber wächst eine zweite Ebene unabhängiger Indie-Medien – gesellschaftlich wirksam, aber strukturell fragil, nichtsdestotrotz in ihrer Vielfalt bemerkenswert. Das Journalism Value Project hat 174 Redaktionen aus 31 europäischen Ländern untersucht: Mehr als die Hälfte wirtschaftet mit unter 200.000 Euro Jahresbudget, ein Drittel kann maximal sechs Monate vorausplanen. Und doch: Wo Gemeinwohlökonomie dabei als formales Wirtschaftsprinzip praktiziert wird – der Münchner Radiosender egoFM erstellt seit Jahren Gemeinwohlbilanzen, das Lokalportal OberpfalzECHO positioniert sich explizit als GWÖ-Pionier –, entsteht ein interessanter Nebeneffekt: Rechenschaft über gesellschaftliche Funktion statt Selbstauskunft über Reichweite. Wer seine Erfolgskriterien anpassen kann, produziert auch andere Prioritäten.
- Die dritte Ebene – noch Vision, die wohl nur mit politischem Rückhalt auf transnationaler Ebene eine Chance hätte – wäre eine europäische Medieninfrastruktur in öffentlicher oder genossenschaftlicher Trägerschaft: mehrsprachig, werbefrei, demokratisch kontrolliert. Konzepte wie die vom Council for European Public Space entwickelte Plattform EU, die Nachrichten öffentlich‑rechtlicher Sender dezentral bündelt, sowie STOA‑Studien des Europaparlaments zu einer European News Streaming Platform und wirtschaftswissenschaftliche Empfehlungen des IÖW für öffentliche Plattforminfrastrukturen im Sinne der Daseinsvorsorge zeigen, dass solche Modelle inzwischen ernsthaft diskutiert werden – und dass sich die Plattformfrage und die Journalismusfrage zunehmend als zwei Seiten derselben Strukturkrise verstehen lassen.
Das Strukturproblem der dritten Säule
Gemeinwohlorientierter Journalismus ist in Deutschland steuerrechtlich bis heute nicht als solcher anerkannt. Redaktionen müssen sich durch Behelfskonstruktionen durchmogeln – als Bildungsträger, als Fördervereine, als Kultureinrichtungen –, was zu erheblicher Rechtsunsicherheit führt. Ein Sektor, der gesellschaftlich als systemrelevant gilt, wird – zugespitzt formuliert – regulatorisch wie ein Hobby behandelt. Das ist das eigentliche Paradox.
Solange gemeinwohlorientierte Medien primär von der Haltung ihrer Gründer:innen abhängen, ist Gemeinwohlökonomie in diesem Fall kein ernstzunehmendes Alternativmodell. Aber wenn Gemeinwohlbilanzierung als Förderkriterium greift und eine steuerliche Privilegierung mit nachgewiesenem gesellschaftlichem Mehrwert verspricht, dann gibt es für Medienhäuser aussichtsreiche Instrumente, die in anderen Wirtschaftsbereichen längst erprobt werden.
Europa als Laboratorium
Der Reformstaatsvertrag eröffnet erstmals einen medienpolitischen Pfad, der in der Medienwissenschaft als „Public Open Space“ beschrieben wird: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht länger nur als Inhalteanbieter, sondern als Akteur digitaler Infrastruktur – ein offener, interoperabler, partizipativer digitaler Raum jenseits kommerzieller Plattformlogiken. Konkret heißt das: Mediatheken mit offenen Schnittstellen, Inhalte im Fediverse abrufbar, dezentralisierte Verbreitung über offene Standards statt proprietärer Plattformabhängigkeit.
Diese Perspektiven hat inzwischen auch das europäische Institutionengefüge erfasst: Der EU-Datenschutzbeauftragte betreibt mit „EU Voice“ und „EU Video“ bereits Pilotprojekte auf Fediverse-Basis. Das Council for European Public Space hat ein Konzept einer dezentralen Plattform für vertrauenswürdige Nachrichten entwickelt, das auf Studien der Forschungsabteilung des Europäischen Parlaments basiert. Ein Bündnis aus mehr als zwanzig Digitalorganisationen – darunter Digitale Gesellschaft, Zentrum für Digitalrechte, Mastodon gGmbH und Save Social – forderte im November 2025 beim Europäischen Gipfel zur Digitalen Souveränität eine jährliche Förderung von 30 Millionen Euro für das dezentrale Fediverse und die Einrichtung paneuropäischer, interoperabler Medienplattformen. Die EU-Kommission hat unterdessen 13,8 Millionen Euro für grenzüberschreitende Journalismuspartnerschaften bereitgestellt, mit explizitem Fokus auf lokale Medien, investigativen Journalismus und Bürgermedien.
Das sind beileibe keine etablierten Strukturen – aber zumindest Konturen einer Medienordnung, in der Gemeinwohlökonomie nicht mehr nur eine Finanzierungsphilosophie einzelner Redaktionen wäre, sondern eine Grundlage für Infrastruktur, Förderung und Rechtsstatus gleichermaßen.
Das Prinzip und die Politik
Gemeinwohlökonomie im Journalismus bleibt vorerst ein Testfeld, in dem sich beobachten lässt, wie weit sich mediale Organisationen tatsächlich bewegen können: weg von individueller Renditemaximierung hin zu Formen unternehmerischer Absicherung durch geteilte Verantwortung – mit Mitgliedschaften, Genossenschaften, Gemeinwohlbilanzen und transparenter Rechenschaft gegenüber Publikum und Fördersystem. In diesem Sinn markieren die vielen kleinen Experimente keinen Ausstieg aus dem Markt, sondern ein anderes Verständnis davon, wofür im Markt überhaupt gewirtschaftet wird.
Ob daraus mehr wird als eine Sammlung guter Beispiele, entscheidet sich nicht in den Redaktionen allein. Drei Ebenen sind im Hintergrund bereits in Bewegung:
- das Steuer- und Gemeinnützigkeitsrecht, das klärt, wann Journalismus als förderwürdig gilt,
- die Förderpolitik von Stiftungen, Staaten und EU-Programmen, die zunehmend an Gemeinwohl- und Public-Value-Kriterien anknüpft, und
- eine Regulierung, die Plattformen, statt sie ausschließlich zu begrenzen, als eigene Aufgabe zur Schaffung einer öffentlichen Infrastruktur entdeckt – vom Reformstaatsvertrag bis zum Europäischen Medienfreiheitsgesetz.
Wie stark diese Ebenen zusammenspielen, wird darüber entscheiden, ob Gemeinwohlorientierung ein Randphänomen engagierter Projekte bleibt oder in den Strukturen des Mediensystems eine nachhaltige Chance hat.
Für den Moment lässt sich nur festhalten: Gemeinwohlökonomie liefert dem Journalismus keine fertige Rettungserzählung. Aber sie verschiebt den Fokus weg vom Einzelformat, hin zur Architektur der Öffentlichkeit – zu Fragen nach Eigentum, Infrastruktur, Verteilung von Risiken und Gewinnen. In einer Medienordnung, in der die größten Wertschöpfungsströme außerhalb redaktioneller Verantwortung verlaufen, ist das bereits ein Erkenntnisgewinn.
Bildnachweise: DALL-E / VOCER-Institut für Digitale Resilienz
Dr. Leif Kramp

Foto: Beate C. Koehler
Forum & Debatte
Was macht gemeinnützigen Journalismus aus? Warum braucht es ihn? Wie können seine wirtschaftlichen und juristischen Rahmenbedingungen verbessert werden? Was macht seine gesellschaftliche Akzeptanz aus? In dieser Rubrik bieten wir Gastautor:innen ein offenes Forum für einordnende Debattenbeiträge, Essays, Berichte und Interviews. Die unterschiedlichen Sichtweisen, Positionen und Perspektiven sollen die Debatte über die Sinnhaftigkeit und die Zielsetzungen des gemeinnützigen Journalismus in Deutschland beleben. Es handelt sich um einordnende Gastbeiträge, deren Auswahl durch die NPJ.news-Redaktion erfolgt, die aber nicht zwingend die Meinung der Redaktion wiedergeben.







