Leif Kramp und Stephan Weichert

Leif Kramp, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen, und Stephan Weichert, VOCER Institut für Digitale Resilienz, über Kipppunkte, professionelle Zumutungen und einen neuen Gesellschaftsvertrag. Anfang Mai 2026 erschien ihr Buch „KI-Resilienz im Journalismus: Framework und Handlungsempfehlungen für Vertrauen, Verantwortung und digitale Souveränität“ (Website).

Sie schreiben, die Tool-Debatte im Journalismus liege „längst hinter uns“. Was meinen Sie damit?

Kramp: Wir erleben gerade einen doppelten Kipppunkt. Auf der Oberfläche geht es in Konferenzen und Workshops immer noch um die Frage, welches KI-Tool was kann – Zusammenfassen, Übersetzen, Bebildern. Unter der Oberfläche ist KI aber längst zur Infrastruktur geworden, die darüber mitentscheidet, welche Inhalte noch sichtbar sind und wie Öffentlichkeit funktioniert. Das ist eine Gemeinwohlfrage – keine Effizienzfrage.

Weichert: Google Zero ist dafür das prägnanteste Beispiel: Immer mehr Suchanfragen werden direkt im KI-Antwortfeld beantwortet, ohne dass jemand auf die dahinterliegenden journalistischen Quellen klickt. Wer die Nachricht produziert hat – und wer dafür Verantwortung trägt –, bleibt unsichtbar. Die Wertschöpfung verschiebt sich weg vom gemeinwohlorientiert arbeitenden Journalismus hin zu Infrastrukturen, die Inhalte aggregieren, nachbilden und verwerten, ohne sich an publizistische Sorgfaltspflichten gebunden zu fühlen.

Kramp: Journalismus ist ein öffentliches Gut. Er produziert nicht nur Inhalte, sondern gesellschaftliche Orientierung, demokratische Streitkultur und das kollektive Wissen, das Menschen brauchen, um Entscheidungen zu treffen. Wenn KI diese Funktion übernimmt, ohne dass dabei Verantwortlichkeit, Transparenz und Überprüfbarkeit gewährleistet sind, ist das kein technisches Problem. Es ist ein struktureller Angriff auf den Kern des publizistischen Gemeinwohls.

Weichert: Dass die Debatte trotzdem so stark um Tools kreist, hat mit Überforderung zu tun – und damit, dass existenzielle Strukturfragen unbequemer sind als Feature-Vergleiche. Genau hier setzen wir mit KI-Resilienz an: als Werkzeug, das die Tool-Frage nicht beantwortet, sondern in ihre richtige Proportion rückt.

Sie definieren KI-Resilienz als professionelle Kernkompetenz. Was heißt das konkret für Chefredaktionen – und für Freie, die oft außerhalb fester Strukturen arbeiten?

Weichert: KI-Resilienz heißt für uns: unter Bedingungen algorithmischer Beschleunigung und struktureller Abhängigkeiten so zu arbeiten, dass Verantwortung sichtbar bleibt – nach innen und nach außen. Das ist keine individuelle Charakterfrage, sondern eine organisatorische Leistung mit klaren Konsequenzen für das Gemeinwohl.

Kramp: Für Chefredaktionen bedeutet das zunächst, KI nicht an Einzelne zu delegieren, sondern als Führungsaufgabe zu begreifen. Wer entscheidet unter Zeitdruck, ob ein KI-Vorschlag veröffentlicht wird? Wer trägt Verantwortung, wenn ein synthetisches Bild eine Person falsch darstellt oder eine automatisch generierte Meldung eine Falschinformation verbreitet? Diese Fragen sind keine technischen Detailprobleme – sie berühren das Kernversprechen des Journalismus gegenüber der Öffentlichkeit: Verlässlichkeit, Einordnung, Korrekturbereitschaft.

Weichert: Unser KI-Resilienz-Framework mit sieben Handlungsfeldern – von Transparenz und Human-in-the-Loop über Quellen- und Datensicherheit bis zu Publikumsdialog – ist der Versuch, dieses Versprechen organisatorisch zu verankern. Nicht als Compliance-Übung, sondern als strukturierter Schutz journalistischer Gemeinwohlfunktionen: Wer entscheidet was, wann und mit welcher Eskalationslogik – damit journalistische Urteile auch unter KI-Bedingungen nachvollziehbar und anfechtbar bleiben.

Kramp: Für Freie ist die Lage noch komplizierter. Sie arbeiten genau dort, wo Risiken sich bündeln: zwischen Redaktionen, Auftraggebern und Plattformen, oft ohne institutionellen Rückhalt. Für sie bedeutet KI-Resilienz vor allem: Selbstschutz als Gemeinwohlbeitrag. Was dokumentiere ich? Welche Quellen gebe ich niemals in ein externes System ein? Und unter welchen Bedingungen lehne ich Aufträge ab, in denen KI-Einsatz verlangt wird, ohne dass Verantwortung geklärt ist? Wer Freie aus diesen Debatten herauslädt, schwächt am Ende die Qualität des ganzen publizistischen Systems.

Am Ende Ihres Buches fordern Sie einen neuen Gesellschaftsvertrag für KI im Journalismus. Wer muss diesen Vertrag eigentlich unterschreiben – und welche Seite ist heute am weitesten davon entfernt?

Weichert: Dieser Gesellschaftsvertrag ist kein Papier – er ist eine geteilte Zumutung. Er verlangt von Redaktionen, Tech-Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft, ihren Anteil an Verantwortung anzuerkennen. Gemeinsam geht es um eine Grundfrage: Für wen arbeitet KI im Journalismus – für kommerzielle Plattforminteressen oder für eine demokratische Öffentlichkeit?

Kramp: Redaktionen sollten erkennen, dass KI-Resilienz nicht mit einer Leitlinien erledigt ist. Sie entsteht im Alltag: in der Nachtschicht, wenn es schnell gehen muss, in der Bereitschaft, Zweifel zuzulassen, wenn ein KI-Output zu perfekt klingt, und in der institutionellen Fähigkeit, Fehler öffentlich zu korrigieren, statt sie stillschweigend zu verschwinden zu lassen. Auch all das ist Arbeit am Gemeinwohl – unspektakulär, aber unersetzbar.

Weichert: Die Tech-Konzerne sind aus unserer Sicht derzeit am weitesten von einem solchen Vertrag entfernt. Wer Sprachmodelle betreibt, die mit journalistischen Inhalten trainiert wurden und Öffentlichkeit im großen Maßstab prägen, kann sich nicht auf den Hinweis zurückziehen, man stelle nur „Werkzeuge“ bereit. Das ist keine neutrale Infrastruktur – das ist ein Eingriff in die Produktionsbedingungen demokratischer Kommunikation. Solange Trainingsdaten, Geschäftsmodelle und Governance intransparent bleiben, ist das Gemeinwohlversprechen von Public-Interest-KI Wunschbild.

Kramp: Und die Politik? Sie muss aufhören, KI-Regulierung ausschließlich als Kontroll- und Haftungsfrage zu verstehen, und anfangen, sie als Ermöglichungsaufgabe zu begreifen – als aktive Infrastrukturpolitik für den gemeinwohlorientierten Journalismus. Der EU AI Act setzt Grenzen. Aber Resilienz entsteht nicht im Gesetzestext, sondern in den Räumen, in denen gelernt, gezweifelt und korrigiert werden kann. Diese Räume zu schaffen – durch Förderung, offene Infrastruktur, gezielte Ausbildung – ist eine politische Pflicht, keine Option.

Leif Kramp

Beate C. Koehler

Dr. Leif Kramp ist Medien- und Journalismusforscher sowie Forschungskoordinator des Zentrums für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen. Kramp ist Gründungsvorstand des Vereins für Medien- und Journalismuskritik e.V., der die VOCER-Bildungsprogramme trägt. In seiner Arbeit verbindet er wissenschaftliche Analyse mit praxisnaher Kooperation in Projekten mit Medienhäusern, Stiftungen und öffentlichen Institutionen. Er begleitet Transformationsprozesse in Redaktionen und Organisationen, analysiert strukturelle Veränderungen im Mediensystem und berät bei strategischen Weichenstellungen im digitalen Wandel. Kramp ist Autor und Herausgeber zahlreicher Fachbücher und Studien zum Wandel von Medien, Journalismus und Gesellschaft.

Foto: Beate C. Koehler

Stephan Weichert

Dr. Stephan Weichert ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler, Resilienz-Coach für Führungskräfte und Strategieberater. Seit 2020 leitet er das unabhängige VOCER-Institut für Digitale Resilienz, einen gemeinnützigen Think & Do Tank, der Weiterbildung, Beratung und Forschung rund um den souveränen Umgang mit digitalen Medien zusammendenkt. Weichert arbeitet seit über 25 Jahren als Lehrbeauftragter und Professor für digitalen Journalismus (u.a. Universität der Künste, City University of New York, Hamburg Media School, Macromedia University, TU Dortmund). Der Medienexperte berät u.a. Ministerien und Organisationen zu Kernfragen digitaler Nachrichten-kompetenz. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem „Medienethik Award“. Aktuell lehrt und forscht er zum Thema „KI-Resilienz in der digitalen Welt“.

Foto: Martin Kunze

Das Format: 3 Fragen – 3 Antworten

Herausforderungen, Erfahrungen, Chancen: In Kurzinterviews sprechen wir mit Akteur:innen in der Medienlandschaft zur Finanzierung und Förderkulisse von Journalismus sowie zu Fragestellungen rund um gemeinnützigen und gemeinwohlorientierten Journalismus.

Published On: 18. Mai 2026