Kiezmische

Wie geht gemeinwohlorientierter Journalismus in der Praxis? Wir beleuchten bestehende und in Gründung befindliche Innovations-Projekte im Journalismus. Diesmal: „Moazin“

Was ist das?

Das „Moazin“ ist der Hansdampf in Moabits Gassen: Es ist Eckkneipe, Kulturknotenpunkt, Kummerkasten und „Speakers Corner“ in einem, kurzum: „das zentrale Moabiter Kiezmagazin“, glaubt Roman Hofmann. „Wir wollen alles abbilden, was in Moabit passiert. Die Menschen zeigen, die hier leben, das Gewerbe, die Kultur. Dabei blicken wir kritisch auf die Entwicklung des Stadtteils, präsentieren uns aber gut gelaunt. Wir sind bunt und fröhlich, gleichzeitig verschließen wir nicht die Augen vor dem Schmuddel hier – wie der Kiez halt“, so der Chefredakteur. Dafür wollen er und der „Moazin“-Gründer David Ruf „die Demokratisierung der Redaktion“ vorantreiben, indem sie – wie Ruf ergänzt – schon jetzt „sowohl professionelle Journalisten als auch solche, die es werden wollen“ ansprechen. „Wir glauben, dass eine solche Zusammenarbeit langfristig ein starkes unabhängiges Medium ausmacht, dass sich so stark lokal orientiert“, sagt Ruf.

Wer steckt dahinter?

Das „Moazin“ ist erst kürzlich aus der Onlinezeitung „MoabitOnline“ hervorgegangen, das Team noch vergleichsweise überschaubar: Projektverantwortlicher Geschäftsführer ist der 41-jährige Dokumentarfilmer und Produzent Ruf (Rocinante Film), der Projekte für SWR, Arte und Deutsche Welle umgesetzt hat. Hofmann (38), Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München, ist Rufs Sparring-Partner und zugleich der Magazinchef. Er war zuvor unter anderem Redakteur der deutschen Ausgabe des „VICE“-Magazins und Vorsitzender der Journalistenvereinigung Freischreiber. Neben der Redaktionsleitung des „Moazins“ schreibt er aktuell auch für „Spiegel“, „Zeit“ und „Süddeutsche“.

Warum braucht es das?

Das Parklet vor dem Nachbarschaftsladen „Stephans“, das traurige Aus des „Merhaba Discounts“ als Herzstück des Moabiter Lebens, der grüne Verbindungsweg für Fußgänger und Radfahrer „Döberitzer Grünzug“ oder der knallig-orangefarbene „21er Tower“ mitten in Moabit:  Hinter all die kleinen und größeren Geheimnisse eines Kiezes kommt nur, wer über genaue Ortskenntnisse und intakte Netzwerke verfügt. Das gilt für Moabit, aber auch für alle anderen Biotope dieser Welt – und genau darin liegt der Erfolg von Lokalmedien mit journalistischem Anspruch: „Ein Lokalmedium mit all seinen Facetten – von Bildredaktion über Gestaltung, Social Media, Recherche und Texten – erlaubt ein niedrigschwelliges und inklusives Angebot, dass gleichzeitig die Chance für Vernetzung und Engagement auf den unterschiedlichsten Ebenen bietet“, sagt Geschäftsführer Ruf.

Was ist das Besondere?

Die Redaktion des „Moazins“ bietet nicht nur Kurzweiliges aus der Nachbarschaft, sondern veranstaltet einmal pro Monat auch Workshops zu den Basics journalistischer Arbeit wie: Wie recherchiert man? Was bedeutet journalistische Ethik? Wie schreibt man einen Kommentar, und warum vermischt man Fakten nicht mit Meinungen? „Wir verstehen uns als Lehrmedium, bei dem Leute den Journalismus niedrigschwellig lernen können“, sagt Chefredakteur Hofmann. Vorbild sei der private selbstverwaltete Verein Filmarche in Berlin-Neukölln, „der sich als echte Alternative zu den Filmhochschulen in Deutschland entwickelt hat“. Zugleich wolle er durch die Redaktionstreffen ein Community-Gefühl erzeugen, damit ein Team entstehen könne, „das so gleichberechtigt wie möglich am gemeinsamen Ziel arbeitet, ein geiles Kiezmedium für Moabit zu schaffen“.

Wie finanziert sich das?

„Eine Art Grundfinanzierung“ durch das Städtebauförderprogramm „Sozialer Zusammenhalt” des Bundeswirtschaftsministeriums ermöglichte, dass das neue Magazin für Moabit überhaupt starten konnte. Mit 56.000 Euro aus dem Leitprogramm der sozialen Integration, das unter anderem das Ziel verfolgt, die Einbindung aller Bevölkerungsgruppen zu unterstützen und den Zusammenhalt in der Nachbarschaft zu stärken, wurden vor allem der Aufbau der Online-Plattform und die ersten Redaktionssitzungen auf die Beine gestellt. „Mittelfristig suchen wir nach ergänzenden Förderungen, um unser Medium aufzubauen“, verspricht Ruf, langfristig biete die Plattform die Möglichkeit der Finanzierung über Spenden, Abonnements, aber auch Sponsoring. „Um attraktiv zu sein probieren wir daher viel aus, zum Beispiel einen KI-gestützten Veranstaltungskalender.“

Hat das Zukunft?

Das „Moazin“ ist die perfekte Mischung aus Kiez, Kultur und Klönschnack – also Standardrepertoire für guten Lokaljournalismus, der wahrscheinlich noch in 100 Jahren gebraucht wird. Gerade im großstädtischen Berlin, wo die Ortsteile Moabit oder Wedding des Bezirks Mitte auf wenigen Quadratkilometern an die 100.000 Menschen versammeln, sind Lokalpioniere wie „Loky+“, „Weddingweiser“ und auch jetzt das „Moazin“ in mehrfacher Hinsicht unverzichtbar: Sie wirken den allgemeinen Fliehkräften der Verstädterung, vor allem sozialem Bindungsverlust und schleichender Vereinsamung entgegen. Hinzu kommt, ebenfalls auf der Plusseite, die Stärkung des sozialen Gemeinwesens: „Wir leben in einer Phase multipler Krisen“, sagt Ruf. Sein Mitstreiter und er wollen mit dem „Moazin“ „sozialen Zusammenhalt und Teilhabe im Lokalen steigern, die in diesen Zeiten umso wichtiger sind“. Ein Resilienzgedanke, der sich durchsetzen dürfte.

MOAZIN

Gründung: 2025

Unternehmensform: Rocinante Film GmbH

www.moazin.de

Foto: Philipp Sipos

Stand: Dezember 2025

Nonprofit-Pionier:innen

Die Wüste lebt: Pionier:innen arbeiten bereits an ihrer Version von gemeinnützigem Journalismus. Wie sieht das in der Praxis aus? Wir beleuchten in dieser Serie bestehende und in Gründung befindliche Nonprofit-Projekte im deutschsprachigen Journalismus.

Published On: 27. November 2025