Am 5. Mai begehen Verlage in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg den Tag des Lokaljournalismus. Den meisten Lokalredaktionen allerdings wird nicht sonderlich zum Feiern zu Mute sein. Zu düster steht es um die wirtschaftliche Prosperität des Nachrichtengeschäfts vor Ort in den Regionen. Damit Lokaljournalismus auch unter unablässigem Druck bestehen kann, sollten wir ihn als lokale Infrastruktur der Demokratie verstehen. Das verlangt nach kooperativen Modellen, Gründungsmut und Verbündeten weit jenseits des Verlagsgeschäfts.
Von Leif Kramp
Aktionstage bündeln Aufmerksamkeit und dienen in der Regel auch den (in der Regel ehrbaren) Interessen ihrer Initiator:innen. Der Tag des Lokaljournalismus, der am 5. Mai 2026 zum zweiten Mal stattfindet, ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Rund hundert Zeitungstitel im deutschsprachigen Raum öffnen ihre Türen, mobile Newsrooms gehen in Innenstädte und auf Schulhöfe, und die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Schirmherrschaft übernommen. Natürlich steht auch das Interesse von Verlagen dahinter, ihre Arbeit sichtbarer zu machen, Vertrauen zu stärken und damit zumindest mittelbar ihre Reichweite zu stabilisieren.
Das schmälert nicht im Geringsten die Relevanz des fundamentalen Anliegens: Lokaljournalismus wird selbst im medialen Diskurs oft an den Rand gedrängt und übersehen. Eine konzertierte Leistungsschau tut da sicher gut und ist auch mittelfristig sinnvoll, um die Relevanz dessen, wie tagtäglich trotz omnipräsenter Plattformökonomie und KI-Maschinerie Berichterstattung im Mikrokosmos der Regionen praktiziert wird. Welche langfristigen Effekte ein solcher Aktionstag hat, entscheidet sich dagegen an der Substanz dessen, was die Beteiligten bereit sind auch in Zukunft zu investieren – und zu ändern, damit Arbeitsweisen, Abhängigkeiten und Herausforderungen gleichermaßen adressiert werden. Schließlich ist noch keine Branche von Sichtbarkeit und Marketingstunts allein gesundet.
Die Diagnose der lokalen Medienkrise ist gut belegt – zuletzt u.a. durch die „Wüstenradar“-Studie. Mit jeder Redaktion, die geschlossen oder geschrumpft wird, verschwinden in der Fläche Aushandlungsräume, in dem Gemeinwesen sich selbst beobachten, befragen und korrigieren. Mit dem schleichenden Rückzug von Lokaljournalismus geht deshalb grundsätzlich mehr verloren als ein vermeintlich nicht mehr funktionierendes Geschäftsmodell. Es krankt nicht nur eine kulturelle, sondern eine demokratische Praxis der gesellschaftlichen Selbstverständigung, mit deren Hilfe kommunale Politik kritisch begleitet, aber auch nachvollziehbar gemacht wird, aus widerstreitenden Stimmen regionale Debatten entstehen und Verständnisse davon vermittelt werden, was eine Stadt, eine Region, ein Landkreis gerade beschäftigt.
Was Plattformen nicht ersetzen können
Diese Praxis lässt sich nicht durch Plattformen kompensieren, erst recht nicht durch jene globalen Plattformstrukturen, die gern den ‚glokalen‘ Übergriff proben und dabei bislang stets gescheitert sind, eine kritische Öffentlichkeit algorithmisch zu organisieren. Stattdessen zerschossen sie Öffentlichkeit in polarisierte Herde von Hass, Wut und Vorurteilen. Wer Auseinandersetzungen in lokalen Facebook-Gruppen oder TikTok-Kommentaren verfolgt, erlebt in erster Linie Erregung, wenig Verständigung, viel Behauptung, wenig Recherche, viel Wiedererkennen der eigenen Position, kaum produktive Reibung an einer anderen. Ein gemeinsam geteilter Diskursraum entsteht hier bestenfalls zufällig.
Die kontinuierliche, fast beiläufige Begleitung kommunaler Politik durch Lokaljournalismus ist seit Jahrzehnten das, was Menschen eine Orientierung darüber gibt, wer in ihrer Umgebung entscheidet, wer welchen Beschluss anficht, wer welche Initiative trägt. Auch wenn diese Arbeit im Alltag nur selten gewürdigt wird, ist sie von immensem Wert für die demokratische Grundordnung. Und zweifellos braucht es engagierendere Formate, originellere Ansätze und überraschendere Themen und sowieso viel mehr Austausch und Offenheit, mit der Lokalredaktionen die Bevölkerung vor Ort adressieren. Gerade weil Lokaljournalismus zur demokratischen Infrastruktur gehört, muss hier noch mehr passieren, als landauf landab bereits an neuen Ideen laboriert wird.
Lokaljournalismus als Infrastruktur
Unabhängige, überparteiliche Berichterstattung im Lokalen ist vergleichbar mit dem öffentlichen Nahverkehr, mit Stadtbüchereien, mit Volkshochschulen, also Instanzen, die sich am Markt nicht zureichend tragen (müssen) und die im Falle ihres Verschwindens von der Allgemeinheit teuer bezahlt wird. Medienhäuser mögen diese Vergleiche in der Regel nicht, weil sie Grundversorgung durchaus zurecht als staatliche Aufgabe verstehen. Allerdings wird Infrastruktur privatwirtschaftlich schon längst jenseits staatlicher Trägerschaft gedacht: Dem Markt gelingt es trotz regulatorischer Grenzziehungen immer wieder mit erstaunlicher Impertinenz, speziell bei der Ausgestaltung digitaler Infrastrukturen Tatsachen zu schaffen und Einzelinteressen mächtiger Marktteilnehmer durchzusetzen.
Der Mediensektor hat sich in der Vergangenheit vorrangig daran orientiert, was Big Tech auf diese Weise mit Social Media an Zäsuren geschaffen hat. Dort präsent sein, wo sich die Nutzenden aufhalten – im Zweifel bei der einen oder anderen Plattform. Nicht nur im Lokaljournalismus hat das im Rückblick – zurückhaltend formuliert – nicht zufriedenstellend funktioniert. Lokale und regionale Infrastrukturen des gesellschaftlichen Miteinanders sind dagegen (immer noch) von Stiftungen, genossenschaftlichen Modelle, Bürgerträgerschaften, Public-Civil-Partnerschaften und anderen Kooperativen geprägt, in denen kommunale, zivilgesellschaftliche und privatwirtschaftliche Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Hierin schlummert ein Potenzial, das der Aktionstag bislang ausspart. Die verlegerische Vermarktungsinitiative DRIVE adressiert damit Vertrauen und Reichweite, geht aber nicht die Themen Trägerschaft und Finanzierungsformen an. Dies sind aber Stellschrauben, die darüber entscheiden können, ob in einem Landkreis mit dem schrittweisen Rückzug eines Verlagshauses überhaupt noch genuin journalistische Angebote entstehen können oder ob der lokalen Öffentlichkeit eine feindliche Übernahme durch interessensgeleitete Akteure droht, die fernab journalistischer Regelstrukturen ihre Botschaften durchdrücken wollen.
Verbündete jenseits des Verlagsgeschäfts
Wer Lokaljournalismus als Infrastruktur denkt, kann den Wert von Kooperationen erkennen: In Deutschland sind über 23.000 Stiftungen aktiv, mehr als 95 Prozent davon mit gemeinnütziger Ausrichtung. Weniger als ein halbes Prozent fördert journalistische Vorhaben. Ein Teil dieser Zurückhaltung liegt an der fehlenden Anerkennung von Journalismus als gemeinnütziger Förderzweck im Sinne der Abgabenordnung. Allerdings könnten Stiftungsverantwortliche auch aufgrund der fehlenden gemeinwohlorientierten Kooperationsmodelle im Journalismus die Fördermündigkeit übersehen. Im Besonderen lokale Modelle der Zusammenarbeit überall dort, wie zivilgesellschaftliche Verbündete sich förmlich aufdrängen, haben sowohl geschäftliches als auch soziales, kulturelles und damit auch immer demokratiestärkendes Potenzial: Kulturhäuser, soziokulturelle Zentren, Volkshochschulen, Bibliotheken, Vereine – sie alle verfügen über Räume, Reichweiten und Bindungen, die für Lokalmedien wertvoll sind.
Wenn eine Lesebühne in einem Stadtteilzentrum die Recherche einer freien Lokalreporterin auf die Bühne bringt; wenn eine Bibliothek einen Pop-up-Newsroom beherbergt; wenn eine Stiftung eine Hyperlocal-Gründung über drei Jahre absichert: dann entstehen jene Vermittlungsformen, die ein zerfallender Anzeigenmarkt allein nicht mehr erbringen kann. Solche Kooperationen reichen weit über bloßes Beiwerk hinaus. Sie können der eigentliche Motor einer neuen lokalen Praxis werden, weil sie Bindung an Orte stiften, die Verlagsstrategien aus den Zentralen heraus gar nicht mehr leisten können.
Dritte Orte und neue Kommunikationsräume
Ähnliches gilt für die räumliche Dimension. Der Münchner Journalist Alexander von Streit, Mitgründer von Krautreporter und VOCER, untersucht und begleitet in seinem Projekt „Media Rewilding“ die Wiederansiedlung von Journalismus an realen Orten: Live-Recherchen auf Bühnen, Pop-up-Newsrooms in Stadtteilen, Cafés mit Redaktionsanschluss. Den Begriff „dritter Ort“ hat der amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg geprägt, um Räume zu beschreiben, die weder Wohnung noch Arbeitsplatz sind und in denen sich Menschen zwanglos begegnen. Solche Orte können zu neuen (performativen) Medien der Berichterstattung werden. Wer Lokaljournalismus wie einen Club denkt, in dem Recherchen erlebt, hinterfragt und mitgestaltet werden, schafft Bindung, die kein Newsletter ersetzen kann.
Diese räumliche Verankerung verbindet sich folgerichtig mit einer digitalen. Eine Region braucht heute beides: physische Orte, an denen Begegnung stattfindet, und digitale Räume, in denen die gleichen Akteure auch zwischen den Treffen erreichbar bleiben. Die kommerziellen Plattformen leisten das nicht zureichend, weil ihre Logik nicht der lokalen Verständigung dient, sondern der virtuellen Aufmerksamkeit. Umso mehr drängt sich eine Frage auf, die in der Medienpolitik bislang randständig diskutiert wird: Welche Trägerschaften, welche offenen technischen Architekturen, welche kommunalen Allianzen wären nötig, damit eine Gemeinde einen eigenen, gemeinwohlorientierten Kommunikationsraum vorweisen kann, in dem Lokaljournalismus, Verwaltung, Initiativen und Bürgerstimmen zusammentreffen, ohne sich in eine Abhängigkeit der Filtern globaler Plattformen zu begeben?
Eine kooperative Aufgabe
Die Aufgabe sprengt einen Aktionstag wie diesen zur Würdigung des Lokaljournalismus. Sie zielt nicht auf einen Fördermechanismus wie die vieldiskutierte Zustellförderung oder Mobilisierungsmaßnahmen wie Jugendliche mit Events für Nachrichteninhalte zu begeistern. Lokaljournalismus muss präsenter werden, um als Wurzelwerk der Demokratie fest verankert zu bleiben, und das gelingt nur in einem Schulterschluss derer, die an einer funktionierenden Stadt- und Landgesellschaft Anteil haben: Verlagshäuser und Neugründungen, Stiftungen und Initiativen, Kulturhäuser und Bildungseinrichtungen, Kommunalpolitik und Verwaltung, öffentlich-rechtliche Anstalten und private Anbieter. Es geht nicht um die Auflösung von Schranken und Differenzen zwischen ihnen. Es geht um die Bereitschaft, gemeinsame Räume zu schaffen, in denen ihre jeweiligen Beiträge sichtbar werden und sich aufeinander beziehen lassen.
Was es dazu braucht, ist im Vokabular überschaubar und in der Praxis anspruchsvoll. Gründungsmut, der nicht das nächste Verlagshaus ersetzen will, sondern andere Praxen erprobt. Experimentierfreude, die das Scheitern eines Formats verkraftet. Offenheit für Stimmen aus der Gesellschaft, die in ihrer Ambivalenz ernst genommen und adressiert werden. Und Gemeinsinn, der über die eigene Medienmarke hinausdenkt.
Der DACH-Raum (Deutschland/Österreich/Schweiz) bietet dafür einen anschlussfähigen Rahmen, um Lokaljournalismus im Dienste des Gemeinwohls zu verwurzeln: Die Schweizer Volksabstimmung von 2022 über das Massnahmenpaket zugunsten der Medien, das österreichische Qualitäts-Journalismus-Förderungs-Gesetz von 2023 und die deutsche Verständigung über einen Anwendungserlass zur Abgabenordnung – drei Erfahrungswelten, die voneinander lernen können. Wenn der Tag des Lokaljournalismus seine grenzüberschreitende Aufstellung ernst nimmt, könnte daraus mehr werden als ein gemeinsamer Aktionstag. Eine gemeinsame Werkstatt für Modelle wäre denkbar, in der Verlage, Stiftungen, Hochschulen und Initiativen aus allen vier Ländern voneinander absehen, was funktioniert und was nicht. Wenn der Tag des Lokaljournalismus seine grenzüberschreitende Aufstellung ernst nimmt, könnte daraus zukünftig mehr werden als eine gemeinsame Kampagne, sondern ein Programm, das mittels experimenteller Spielbeine Strukturveränderungen anschiebt und aktiv gestaltet.
Bildnachweise: DALL-E / VOCER-Institut für Digitale Resilienz
Dr. Leif Kramp

Foto: Beate C. Koehler
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Was macht gemeinnützigen Journalismus aus? Warum braucht es ihn? Wie können seine wirtschaftlichen und juristischen Rahmenbedingungen verbessert werden? Was macht seine gesellschaftliche Akzeptanz aus? In dieser Rubrik bieten wir Gastautor:innen ein offenes Forum für einordnende Debattenbeiträge, Essays, Berichte und Interviews. Die unterschiedlichen Sichtweisen, Positionen und Perspektiven sollen die Debatte über die Sinnhaftigkeit und die Zielsetzungen des gemeinnützigen Journalismus in Deutschland beleben. Es handelt sich um einordnende Gastbeiträge, deren Auswahl durch die NPJ.news-Redaktion erfolgt, die aber nicht zwingend die Meinung der Redaktion wiedergeben.







