Warum die Krise der Öffentlichkeit in Wahrheit eine Krise der „dritten Orte“ ist.

Von Stephan Weichert

Ein Donnerstagabend Ende April im Dorfgemeinschaftshaus von Salem, einer kleinen Gemeinde im Kreis Herzogtum Lauenburg. 34 Menschen sitzen an mehreren Tischen verteilt. Beim „Dorf Dialog Dinner“ geht es an diesem Abend um die Frage „Wie verändert Künstliche Intelligenz unseren Alltag?“. Zu Gast ist Isabel Lerch, Datenjournalistin und „KI-Lotsin“ des Norddeutschen Rundfunks. Sie spricht über Deepfakes, automatisierte Texte, algorithmische Entscheidungen und die Frage, wie KI unseren Alltag und unser Vertrauen in Informationen verändert.

Eine ältere Teilnehmerin erzählt, sie frage ihre Enkel inzwischen regelmäßig, ob die Videos, die sie geschickt bekämen, noch echt seien. Eine Künstlerin um die 50 sagt: „Ich habe das Gefühl, wir sollen ständig zu allem eine Meinung haben, bevor wir überhaupt verstanden haben, worum es geht.“ Ein erfahrener Kommunalpolitiker berichtet, wie schwer es geworden sei, lokale Themen gegen die Dauererregung nationaler Aufregungswellen zu verteidigen. Ein rüstiger Rentner berichtet, er habe sich kürzlich eine Hochzeitsrede im Stil von Donald Trump für seinen Schwiegersohn schreiben lassen. Und eine Pflegerin, Mitte 30, erklärt, dass auch sie bereits regelmäßig KI beruflich einsetze.

Es sind keine akademischen Debatten, sondern Erfahrungen aus dem Alltag, die Menschen zusammenführen. Gerade deshalb wirken sie politisch. Eben darin liegt der Reiz solcher Abende: Unterschiede werden sichtbar, ohne sofort in Feindseligkeit umzuschlagen. Während draußen die digitalen Aufmerksamkeitsraffinerien ihren nächsten Empörungszyklus produzieren, hören Menschen in diesem lokalen Beteiligungsformat einander zu, widersprechen sich höflich oder entwickeln ihre Gedanken weiter. Niemand sammelt Likes, niemand optimiert seinen Feed auf Reichweite.

So viel steht auch an diesem Gesprächsabend fest: Begegnung macht Konflikte nicht kleiner, aber häufig aushaltbarer. Solche Gelegenheiten schaffen daher etwas, das im digitalen Resonanztheater selten geworden ist: Verbindlichkeit durch Anwesenheit. Sie wirken damit fast wie eine Antwort auf eine großformatige gesellschaftliche Frage. Denn was an diesem Abend auch auffällt, ist nicht die Diskussion um das Für und Wider der Technologie. Es ist die Qualität der Gespräche.

„Demokratie braucht Begegnung“, notiert der Politikwissenschaftler Reinald Mante in seinem gleichnamigen Bestseller von 2024. Mante war einer der ersten Gäste des „Dorf Dialog Dinners“. Seine zunächst schlicht klingende Beobachtung wirkt seitdem wie eine Art Leitmotiv dieses Formats. Und je länger man über diese These nachdenkt, desto radikaler erscheint sie: Demokratie entsteht nicht in Verfahren, Institutionen und Mehrheitsentscheidungen. Sie lebt von der alltäglichen Erfahrung, Menschen außerhalb der eigenen Milieus zu begegnen, ihnen zuzuhören und Widerspruch auszuhalten. Nicht nur auf dem Dorf.

Nach zwölf solcher „Dorf Dialog Dinners“ drängt sich eine erste Zwischenbilanz auf: Menschen ändern ihre Meinung selten durch Argumente allein. Aber sie werden neugieriger und differenzierter, wenn sie einander leibhaftig begegnen. Die eigentliche Überraschung dieser Abende besteht darin, dass nicht die Konflikte verschwinden, sondern die eigenen Gewissheiten relativiert werden. Die Menschen gehen selten mit mehr Konsens nach Hause. Aber häufig mit etwas mehr Zweifel im Gepäck an der eigenen Eindeutigkeit.

Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte. Womöglich ist die Krise der Demokratie weniger eine Krise der Information als eine Krise ihrer Orte. Darin liegt die politische Kraft sozialer Begegnungen. Sie erinnern daran, dass Demokratie kein Zustand ist, sondern eine soziale Praxis. Und sie werfen zugleich eine unbequeme Frage auf: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn ihr die Orte abhandenkommen, an denen solche Erfahrungen überhaupt noch möglich sind?

Als der offizielle Teil des Abends in Salem längst beendet ist, bleiben viele Teilnehmer noch im Saal stehen und reden in der Abendsonne weiter. Niemand fragt, wer die Diskussion „gewonnen“ hat. Viele loben das Format, weil sie das Gefühl haben, etwas besser verstanden zu haben. Die Nähe war nicht konfliktfrei. Aber sie war echt, widersprüchlich und von einer Aufmerksamkeit geprägt, die im Alltag selten geworden ist. Wahrscheinlich ist das die demokratische Erfahrung, die uns in digitalen Räumen verloren geht: nicht Recht zu behalten, sondern Widerspruch auszuhalten.

Der Gedanke mag zunächst irritieren. Schließlich wurde noch nie so viel kommuniziert wie heute. Milliarden Menschen senden, posten, kommentieren, reagieren. Politiker stehen unter permanenter digitaler Beobachtung. Medien produzieren Inhalte im Sekundentakt. Unternehmen, Verwaltungen und Verbände kommunizieren rund um die Uhr. Die Gesellschaft wirkt auf den ersten Blick so vernetzt wie nie zuvor. Und dennoch wächst vielerorts das Gefühl gesellschaftlicher Entfremdung, weil die Zahl der Meinungen wächst, die gemeinsamen Bezugspunkte aber schrumpfen.

Der Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren beschreibt das seit Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz: Demokratien, so seine zentrale These, leben nicht allein von Wahlen, Parlamenten oder Medien. Sie benötigen öffentliche Räume zwischen Staat, Markt und Privatheit. Räume, in denen Menschen Informationen austauschen, Konflikte austragen, Vertrauen entwickeln und lernen, mit Unterschieden umzugehen. Anfang Juni hat Jarren gemeinsam mit Wissenschaftlern, Praktikern und dem Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung einen bemerkenswerten Appell veröffentlicht, den auch das VOCER-Institut unterstützt. Darin fordert er einen „Local Open Public Space“ als Teil öffentlicher Daseinsvorsorge.

Der Bedeutungsverlust lokaler Medien und die Dominanz kommerzieller Plattformen, heißt es dort, hätten die Öffentlichkeit fragmentiert und viele Menschen aus digitalen Debatten verdrängt. „Die Sicherung eines funktionsfähigen lokalen Diskursraums ist keine optionale Modernisierungsaufgabe“, schreiben die Unterzeichner, „sondern eine Voraussetzung dafür, dass Demokratie vor Ort auch in Zukunft existiert, trägt und sich weiterentwickeln kann.“ Hinter den technokratischen Begriffen verbirgt sich eine erstaunlich einfache Einsicht: Demokratie braucht Orte. Die Krise der Demokratie ist eben nicht nur eine Krise ihrer Institutionen. Sie ist auch eine Krise ihrer Kommunikationsräume.

Auffällig ist dabei, wie sehr sich Theorie und Praxis inzwischen berühren. Was Jarren als „Local Open Public Space“ beschreibt, ähnelt in kleinerem Maßstab genau jenen sozialen Infrastrukturen, die vielerorts bereits erprobt werden: Bibliotheken als Debattenorte, Bürgerhäuser als Foren, Lokalredaktionen als Moderatoren des Gemeinwesens oder Dialogformate wie das Dorf Dialog Dinner. Die demokratische Zukunft beginnt nicht mit der nächsten App, sondern mit der Wiederentdeckung dessen, was die Stadt- und Gemeindesoziologie einst die „dritten Orte“ nannte: Räume zwischen Privatheit und Institution, in denen Gemeinschaft überhaupt erst eingeübt werden kann.

Über viele Jahre haben wir begonnen, Öffentlichkeit mit Plattformen zu verwechseln: Toxische und mental fragwürdige Ego-Verteilmaschinen wie Facebook, Instagram, TikTok, YouTube, X oder LinkedIn erscheinen mittlerweile so selbstverständlich wie Strom, Straßenbeleuchtung oder die Müllabfuhr – mit dem Unterschied, dass sie selbst den meisten verbalen Müll produzieren. Dabei vergessen wir leicht, dass es sich um privat organisierte Verteilapparate der Aufmerksamkeit handelt, deren Geschäftsmodell nicht auf Verständigung, sondern auf reinem Konsum beruht.

Nicht Verständigung erzeugt Wert, sondern Erregung. Die Plattformökonomie belohnt nicht das Verbindende, sondern das Trennende. Nicht die Differenzierung, sondern die Zuspitzung. Nicht die Langsamkeit, sondern die permanente Reaktion. Was wir zunehmend für öffentliche Debatte halten, ist oft nichts anderes als Resonanztheater unter Echtzeitbedingungen. Die Folgen reichen weit über die Medienwelt hinaus.

Wer heute die Kommunikationsstrategien von Parteien, Ministerien, Verwaltungen oder Unternehmen beobachtet, erkennt schnell, wie tief die Plattformlogik bereits in unsere Institutionen eingesickert ist. Politiker dokumentieren ihren Alltag in Form klamaukiger Mikrodarbietungen. Die politische Klasse wirkt dabei bisweilen wie eine leicht erschöpfte Reisegruppe auf Klassenfahrt, die aus Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust jeden Spatenstich, Kantinenbesuch und McDonalds-Besuch fotografisch verewigen muss. Als ließe sich demokratische Bedeutung nur noch durch ihre permanente Selbstverlautbarung beweisen.

Man könnte zugespitzt sagen: Die Demokratie hat begonnen, sich selbst durch das Prisma ihrer Plattformmetriken zu betrachten. Dabei liegt die eigentliche Macht der Plattformen nicht darin, dass sie von Milliarden Menschen genutzt werden. Ihre größte Macht liegt vielmehr darin, dass selbst ihre Kritiker sich Öffentlichkeit außerhalb ihrer Logiken kaum noch vorstellen können.

Genau das wurde sichtbar, als Grüne, SPD und Linke ihren Rückzug von X ankündigten. Die Reaktionen fielen erwartbar reflexhaft aus: Kapitulation, Selbstisolierung, Rückzug aus der Öffentlichkeit. Die dahinterliegende Annahme war überall dieselbe: Wer die Plattform verlässt, verschwindet aus der Öffentlichkeit. Kaum jemand stellte die Gegenfrage: Was sagt es eigentlich über den Zustand unserer Demokratie aus, wenn sie ihre öffentliche Kommunikation nur noch innerhalb privatwirtschaftlicher Plattformen für würdig hält?

Der Medienwissenschaftler Martin Andree beschreibt diese Entwicklung als monopolistische Kontrolle digitaler Öffentlichkeit: Wenige Konzerne kontrollierten heute die wichtigsten Zugänge gesellschaftlicher Kommunikation, sie seien zu den Mautstellen des digitalen Zeitalters geworden. Genau darin liegt das eigentliche Dilemma. Fast alle erkennen die Probleme, kaum jemand weiß, wie man sich daraus befreien kann. Wer aussteigt, verliert Anschluss. Wer bleibt, stabilisiert das System. Individuell ist dieses Dilemma kaum lösbar.

Die Alternative zur Plattformabhängigkeit kann deshalb nicht der heroische Einzelrückzug sein. Sie muss als organisierter Übergang gedacht werden: als gemeinsame Verlagerung öffentlicher Kommunikation in Räume, die nicht vollständig von den Geschäftsmodellen globaler Plattformkonzerne abhängen. Nicht Rückzug also, sondern Migration. Nicht Unsichtbarkeit, sondern neue Formen gemeinsamer Auffindbarkeit, direkter Beziehungen und lokaler Verankerung.

Der Niedergang des Lokaljournalismus macht das besonders deutlich. Lokaljournalismus war nie bloß Nachrichtenproduktion. Er war das Schwarze Brett, das Gedächtnis und gelegentlich auch das schlechte Gewissen der Demokratie. Er war die letzte Bastion gegen die Illusion, Politik bestehe ausschließlich aus Berliner Koalitionsarithmetik oder US-amerikanischen Kulturkämpfen. Wer wissen wollte, weshalb die Turnhalle geschlossen blieb, warum die neue Kita nicht gebaut wurde oder weshalb der Gemeinderat eine bestimmte Entscheidung traf, fand die Antworten meist nicht im permanenten Empörungskarneval, sondern im Lokalteil der Zeitung. Wenn Lokaljournalismus verschwindet, verschwindet deshalb nicht nur ein Geschäftsmodell. Es verschwindet ein Teil des demokratischen Gedächtnisses.

Deshalb wirken derlei Überlegungen heute weniger wie akademische Folklore als wie eine praktische Handlungsanweisung. Denn wenn Straßen, Schulen, Bibliotheken oder Parks als öffentliche Infrastruktur gelten, warum eigentlich nicht auch Kommunikationsräume?

Genau das wird eine der entscheidenden politischen Fragen der kommenden Jahre. Denn während Politik und Medien gerade noch über soziale Netzwerke streiten, verschiebt sich die Debatte längst weiter. Die Plattformkrise markiert womöglich nur eine Übergangsphase. Mit generativer KI hat der nächste Strukturwandel bereits begonnen: Informationen erreichen Menschen immer seltener unmittelbar. Sie werden gefiltert, verdichtet, neu zusammengesetzt. Die Öffentlichkeit der Zukunft wird nicht mehr nur sortiert, sie wird vorerzählt.

Gerade deshalb braucht es neue Formen publizistischer Selbstbehauptung: lokale Kommunikationsverbünde, publizistische Kooperativen und Allianzen, die den öffentlichen Austausch nicht dem Markt überlassen. Darin liegt die Lehre eines Donnerstagabends in Salem: Demokratie entsteht nicht dort, wo Menschen dauerkommunizieren, sondern dort, wo sie lernen, einander auszuhalten. Nicht jede digitale Resonanz stärkt die Demokratie. Nicht jede Interaktion erzeugt Vertrauen. Nicht jede Form der Vernetzung verbessert das Zusammenleben.

Gewiss ist: Demokratie braucht Begegnung. An langen Tischen in Dorfgemeinschaftshäusern, in Lokalredaktionen, Bibliotheken und Vereinsheimen entscheidet sich oft mehr über das demokratische Miteinander als auf den digitalen Plattformen der Welt. Unser Gemeinweisen braucht keine perfekten Bürger, nicht immer Konsens. Aber sie braucht Orte, an denen aus Gegnern wieder Nachbarn werden.

Bildnachweise: DALL-E / VOCER-Institut für Digitale Resilienz

Dr. Stephan Weichert

Dr. Stephan Weichert ist Medienwissenschaftler und Publizist. Seit 2020 leitet er das gemeinnützige VOCER-Institut für Digitale Resilienz, einen gemeinnützigen Think & Do Tank, der sich für einen souveränen Umgang von digitaler Technologie im Journalismus einsetzt. Weichert arbeitet seit über 25 Jahren als Dozent und Lehrbeauftragter (TU Dortmund, City University of New York und FH Graz). Zuvor lehrte er als Professor für Digitalen Journalismus an der Macromedia University, der Hamburg Media School sowie als Gastprofessor an der Universität der Künste in Berlin. Der Medienexperte engagiert sich in zahlreichen Verbänden und Jurys; aktuell ist er Beirat im „Forum für gemeinnützigen Journalismus“. Für seine Arbeit wurde er mit dem „Medienethik Award“ ausgezeichnet.

Fotos: VOCER-Institut/ Martin Kunze

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Was macht gemeinnützigen Journalismus aus? Warum braucht es ihn? Wie können seine wirtschaftlichen und juristischen Rahmenbedingungen verbessert werden? Was macht seine gesellschaftliche Akzeptanz aus? In dieser Rubrik bieten wir Gastautor:innen ein offenes Forum für einordnende Debattenbeiträge, Essays, Berichte und Interviews. Die unterschiedlichen Sichtweisen, Positionen und Perspektiven sollen die Debatte über die Sinnhaftigkeit und die Zielsetzungen des gemeinnützigen Journalismus in Deutschland beleben. Es handelt sich um einordnende Gastbeiträge, deren Auswahl durch die NPJ.news-Redaktion erfolgt, die aber nicht zwingend die Meinung der Redaktion wiedergeben.

Published On: 6. September 2026