Gnosen über den Krieg

Wie geht gemeinnütziger Journalismus in der Praxis? Wir beleuchten bestehende und in Gründung befindliche Nonprofit-Projekte im Journalismus. Diesmal: Dekoder.

Was ist das?

Die Idee hinter „dekoder – Russland und Belarus entschlüsseln“ fußt auf einer Irritation: Wieso enthält der öffentliche Diskurs in Deutschland über ein einen so großen und mächtigen Staat wie Russland so selten Stimmen aus dem Inneren des Landes oder aus deutschen Forschungseinrichtungen, wo man sich intensiv und differenziert mit den Geschehnissen in Russland, ihren Hintergründen und Implikationen für die restliche Welt beschäftigt? Gründer Martin Krohs hatte bereits viele Jahre in Russland gelebt und gewirkt, bevor er in den Jahren 2014 und 2015 eine Redaktion in Hamburg aufbaute, um Wissen über Russland und russischen Kulturdenkens zu vermitteln. Mit „dekoder.org“ werden Beiträge aus unabhängigen russischen und belarussischen Medien in deutscher Übersetzung und mit zusätzlicher wissenschaftlicher Einordnung zugänglich gemacht. Seit Ende 2019 funktioniert dies auch umgekehrt: „dekoder.ru“ veröffentlicht Übersetzungen von Artikeln aus deutschsprachigen Medien sowie deren wissenschaftliche Kontextualisierungen ins Russische.

Wer steckt dahinter?

Aktuell führt der Politikwissenschaftler und Redakteur Anton Himmelspach die Geschäfte der gemeinnützigen Gesellschaft mit Sitz in Hamburg. Gründer Martin Krohs ist dem Projekt noch als Gesellschafter und Spiritus Rector im Hintergrund verbunden. Von 2016 bis 2023 war Tamina Kutscher Chefredakteurin. Seither ist das Amt nicht besetzt. Die Redaktion arbeitet weitgehend heterarchisch nach Ressort-Zuständigkeiten, die Mitglieder sind allesamt Gesellschafter:innen des gemeinnützigen Unternehmens. Die zwei wichtigsten organisatorischen Säulen sind die Wissenschaftsredaktion und die Übersetzungsredaktion, hinzu kommt spezielles Knowhow für Programmierung und die datenjournalistischen Themen-Specials, die hohe Anforderungen an innovative Darstellungsformen stellen.

Warum braucht es das?

Unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine erscheint Anton Himmelspach heute als vielleicht umso wichtiger, den deutschen Russland-Diskurs zu bereichern: „Wir wissen ja, dass nicht wenige Menschen in Deutschland empfänglich gegenüber russischer Propaganda sind. Mit unserer Arbeit stellen wir diesen Einflüssen auch ein Korrektiv entgegen. Im Grunde geht es um die Produktion von Wissen zu Belarus und Russland in einem kurativen Prozess.“ Wenigstens einmal pro Woche diskutiert die Redaktion relevante Themen und Einzeltexte. Mit Ausbruch des Krieges verengte sich der Themen-Fokus aber entsprechend: „Seit dem 24. Februar 2022 beschäftigen wir uns inhaltlich eigentlich fast nur noch mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Da kommen andere Aspekte natürlich zu kurz“, räumt Himmelspach ein.

Was ist das Besondere?

Bereits zweimal wurde „dekoder.org“ mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet, im Jahr 2016 für das Gesamtangebot an sich, im Jahr 2021 für die Konzeption, Redaktion und Visualisierung der Themen-Specials. Datenjournalismus ist neben den Übersetzungsleistungen und fachliche Einordnungen ein wichtiges Feature des Angebotes an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Wissenschaft: Als „Spielwiese für Netzformate“ werden bedeutsame Ereignisse aktuell und historisch multimedial aufbereitet. Das Zusammenspiel von übersetzten Artikeln und wissenschaftlichen Erklärformaten, den so genannten „Gnosen“ (abgeleitet vom griechischen Wort für „Erkenntnis“), lässt sich in der Nutzung intuitiv erschließen. Letztlich sind es aber die Inhalte, die einen Unterschied machen: Die Redaktion hat über viele Jahre enge Kontakte mit unabhängig arbeitenden Journalist:innen aufgebaut, die mittlerweile verdeckt oder aus dem Exil arbeiten müssen: „Sie sind ja zumeist als ,unerwünscht‘ und/oder ,Agenten‘ stigmatisiert, es wird immer schwieriger, in die jeweiligen Länder hineinzuwirken“, so Himmelspach.

Wie finanziert sich das?

Im Geschäftsjahr 2022 wurde ein Fünftel bis ein Viertel der Kosten durch Spenden und Klub-Beiträge finanziert. Der „dekoder“-Klub besteht aus Fördermitgliedern, die wöchentlichen einen exklusiven Newsletter erhalten und die Möglichkeit haben, sich bei Klub-Abenden mit Redaktionsmitgliedern auszutauschen. Einzelspenden erhält die gGmbH über eine Spendenfunktion auf der „dekoder“-Website. Der Großteil der Finanzierung wird aber über Projektförderungen bestritten. Fördergelder kommen unter anderem von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Bundeszentrale für politische Bildung, das Auswärtige Amt und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Zum Teil werden auch Mittel durch Auftragsarbeiten erwirtschaftet: „Da geht es dann immer um solche Inhalte, die wir redaktionell ohnehin machen wollen. Es ist dann nur formal keine Förderung, sondern eben eine Auftragsarbeit“, erklärt Anton Himmelspach.

Hat das Zukunft?

Wie viele andere gemeinnützige Organisationen bemüht sich „dekoder.org“ von Jahr zu Jahr um neue Fördermöglichkeiten. „Das macht die Arbeit in gewisser Weise prekär … Einige von uns schreiben nebenbei Förderanträge, … das gehört aber eigentlich nicht zu unseren Kernaufgaben, das müssen wir machen. Es ist ja auch nicht anders möglich“, sagt Himmelspach. Eine institutionelle Förderung schließt er vorerst aus, zu groß die Gefahr, sich abhängig zu machen von der Politik oder größeren Stiftungen. „Wir haben bei den Spenden der Nutzer:innen und den Klub-Mitgliedschaften noch Potenzial, da bin ich mir sicher. Im Jahr 2022 sind unsere Spenden förmlich in die Höhe geschossen“, sagt Himmelspach und ergänzt: „Wir sind natürlich keine Kriegsgewinnler und möchten keine sein, aber natürlich erhält unser Angebot jetzt noch mehr Aufmerksamkeit als vorher. Ebenso wie der Arzt von Krankheiten lebt, lebt der Journalismus eben auch von Krisen.“ Finanziell nachhaltig sei der Status Quo aber noch lange nicht. Auch mit Blick auf ruhigere Zukunftsaussichten wünscht sich der geschäftsführende Redakteur eine stabile Grundfinanzierung hätten.

DEKODER

Gründung: 2015
Unternehmensform: gGmbH
dekoder.org

Foto: Dekoder.org

Nonprofit-Pionier:innen

Die Wüste lebt: Pionier:innen arbeiten bereits an ihrer Version von gemeinnützigem Journalismus. Wie sieht das in der Praxis aus? Wir beleuchten in dieser Serie bestehende und in Gründung befindliche Nonprofit-Projekte im deutschsprachigen Journalismus.